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<title>Proletkult</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Proletkult</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p><b>Proletkult</b> (<span style="font-style:normal;font-weight:normal"><a href="Russische_Sprache" title="Russische Sprache">russisch</a></span> <span lang="ru-Cyrl" class="Cyrl" style="font-style:normal">Пролеткульт</span>) ist ein <a href="Kurzwort" title="Kurzwort">Kurzwort</a> aus <i>пролетарская культура</i> (<i>proletarskaja kultura</i> – proletarische Kultur). Es bezeichnet eine kulturrevolutionäre Bewegung der russischen <a href="Oktoberrevolution" title="Oktoberrevolution">Oktoberrevolution</a>. Vom damaligen <a href="Sankt_Petersburg" title="Sankt Petersburg">Petrograd</a> ausgehend versuchte sie zwischen 1917 und 1925 eine Kultur der neuen herrschenden <a href="Arbeiterklasse" title="Arbeiterklasse">proletarischen Klasse</a> ohne jeden <a href="Bourgeoisie" title="Bourgeoisie">bourgeoisen</a> Einfluss zu erschaffen. Hierbei nahm sie erkenntnistheoretisch eine radikale <a href="Standpunkt-Theorie" class="mw-redirect" title="Standpunkt-Theorie">Standpunkt-Theorie</a> ein. Der Haupttheoretiker war <a href="Alexander_Alexandrowitsch_Bogdanow" title="Alexander Alexandrowitsch Bogdanow">Alexander Bogdanow</a>, andere wichtige Vertreter waren <a href="Anatoli_Wassiljewitsch_Lunatscharski" title="Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski">Anatoli W. Lunatscharski</a>, <a href="Alexei_Kapitonowitsch_Gastew" title="Alexei Kapitonowitsch Gastew">Alexei Gastew</a>, Fjodor Kalinin und <a href="Michail_Prokofjewitsch_Gerassimow" title="Michail Prokofjewitsch Gerassimow">Michail Gerassimow</a>. Im Bereich der bildenden Künste war anfänglich der <a href="Konstruktivismus_(Kunst)" title="Konstruktivismus (Kunst)">Konstruktivismus</a>, in Musik und Literatur der <a href="Futurismus" title="Futurismus">Futurismus</a> bestimmend.
</p>

<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Proletarische_Universitäten"><span id="Proletarische_Universit.C3.A4ten"></span>Proletarische Universitäten</h2></div>
<p>Voraussetzung der Proletarischen Kultur sollten die <i>Proletarischen Universitäten</i> sein. Bogdanow thematisierte in <i>Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse</i> ebendieses Verhältnis zueinander. In <a href="Capri" title="Capri">Capri</a> versuchten er und <a href="Maxim_Gorki" title="Maxim Gorki">Maxim Gorki</a>, in einer Schule russische Fabrikarbeiter demgemäß zu unterrichten. Die erste <i>Allrussische Konferenz der Proletkult-Organisation</i> zum Thema „Wissenschaft und Arbeiterklasse“ brachte am 17. Dezember 1918 folgende Resolution heraus:
</p>
<div class="Vorlage_Zitat" style="margin:1em 40px;">
<div style="margin:1em 0;"><blockquote style="margin:0;">
<p>„Die erste Allrussische Konferenz der proletarischen Kultur und Aufklärungsorganisationen, die die Wissenschaft als Werkzeug der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit betrachtet, welches in den Händen der herrschenden Klasse bis zu diesem Zeitpunkt ebenso als Werkzeug der Herrschenden diente, aber in den Händen der Arbeiterklasse als Werkzeug ihres sozialen Kampfes, Sieges und Aufbaues dienen soll, erkennt als Grundaufgabe im wissenschaftlichen Bereich die Sozialisierung der Wissenschaft an, d.&nbsp;h.:
</p>
<ol><li>systematische Überprüfung des wissenschaftlichen Materials vom kollektiven Arbeitsstandpunkt aus;</li>
<li>dessen systematische Wiedergabe in bezug auf die Bedingungen und die Bedürfnisse der proletarischen Arbeit, sowohl der alltäglichen als auch der revolutionären;</li>
<li>die massenhafte Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse in dieser umgebildeten Form.</li></ol>
<p>Die Konferenz glaubt, dass die fundamentalen Organisationsmittel für eine solche Sozialisierung der Wissenschaft sein müssen:
</p>
<ol><li>die Schaffung einer Arbeiteruniversität in Form eines ganzen Systems kultureller Aufklärungsinstitutionen, welches auf der kameradschaftlichen Zusammenarbeit der Lehrenden und Lernenden begründet ist und folglich das Proletariat zur vollständigen Inbesitznahme der wissenschaftlichen Methoden und der höchsten Errungenschaften der Wissenschaften führt;</li>
<li>auf der Basis der Tätigkeit der Arbeiteruniversität die Ausarbeitung einer Arbeiterenzyklopädie, einer harmonischen, zu größter Einfachheit und Klarheit gebrachten Darlegung der Methoden und Errungenschaften der Wissenschaft vom proletarischen Standpunkt aus.“</li></ol>
</blockquote>
</div></div>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Auseinandersetzungen_mit_dem_Proletkult">Auseinandersetzungen mit dem Proletkult</h2></div>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Sowjetunion">Sowjetunion</h3></div>
<p>Bogdanow hatte vor der Oktoberrevolution eine wichtige Rolle in der <a href="Sozialdemokratische_Arbeiterpartei_Russlands" title="Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands">Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands</a> gespielt und mit einer „Allgemeinen Organisationswissenschaft“ (Tektologie) einen alternativen erkenntnistheoretischen Entwurf zum <a href="Dialektischer_Materialismus" title="Dialektischer Materialismus">Dialektischen Materialismus</a> veröffentlicht. Die Konzeption des Proletkult von Bogdanow, der während der ersten Phasen des Proletkultes der wichtigste Theoretiker war, führte zu einem gespannten Verhältnis des Proletkults zur Partei.
</p><p>Bogdanows wissenschaftliche Weltanschauung und sein Rationalismus wurde von <a href="Lenin" class="mw-redirect" title="Lenin">Lenin</a> u.&nbsp;a. in seiner Schrift <i>Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie</i> (1908) als <a href="Empiriokritizismus" title="Empiriokritizismus">empiriokritizistisch</a> angeklagt und verurteilt.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> 1920 wandte er sich mit einem eigenen Resolutionsentwurf gegen die Autonomie der Proletkult-Organisationen, da der Marxismus "die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keineswegs ablehnte".<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> In Lenins Entwurf heißt es weiter: Der „Kongreß des Proletkult“ „macht es im Gegenteil allen Organisationen des Proletkult zur unbedingten Pflicht, sich als Hilfsorgane der Institutionen des Volkskommisariats für Bildungswesen zu betrachten&nbsp;[…]“
</p><p><a href="Leo_Trotzki" title="Leo Trotzki">Leo Trotzki</a> und <a href="Alexander_Konstantinowitsch_Woronski" title="Alexander Konstantinowitsch Woronski">A. K. Woronski</a> bekämpften die Proletkult-Bewegung. Sie argumentierten, dass das Proletariat die höchsten technischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der Bourgeoisie übernehmen müsste, da diese universal für die gesamte Menschheit seien. Außerdem argumentierte Trotzki, dass es für das Proletariat unmöglich sei, eigene künstlerische Formen zu entwickeln, bis das Proletariat seinen historischen Auftrag erledigt habe, die internationale Bourgeoisie zu überflügeln.
</p><p>Die <a href="Futurismus" title="Futurismus">futuristischen</a> Schriftsteller <a href="Sergei_Michailowitsch_Tretjakow" title="Sergei Michailowitsch Tretjakow">Sergej Tretjakow</a> und <a href="Wladimir_Majakowski" class="mw-redirect" title="Wladimir Majakowski">Wladimir Majakowski</a> arbeiteten in den frühen 1920er Jahren im Umfeld von <a href="Wsewolod_Meyerhold" class="mw-redirect" title="Wsewolod Meyerhold">Wsewolod Meyerholds</a> „Erstem Arbeitertheater des Proletkults“. Wenige Jahre später kritisierten sie jedoch an Vertretern des Proletkults die Tendenz, eine von der Partei unabhängige proletarische Kunst schaffen zu wollen. Sie forderten zwar ihrerseits –&nbsp;in Abgrenzung gegenüber dem späteren <a href="Sozialistischer_Realismus" title="Sozialistischer Realismus">sozialistischen Realismus</a> Stalin’scher Prägung&nbsp;– eine „Revolution in der Kunst und eine Kunst in der Revolution“, aber dem späten russischen Proletkult warfen sie „kosmischen Mystizismus“ vor. Auch <a href="Emma_Goldman" title="Emma Goldman">Emma Goldman</a>, die während ihrer Zeit in der Sowjetunion mit dem Proletkult in Kontakt gekommen war, äußerte sich kritisch über die von ihr untersuchten Werke. Es fehle „ihnen an Ideen und Visionen und sie zeigten keine Spur des inneren Verlangens, der kreative Künste antreibt. Sie waren hoffnungslos banal.“<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Italien">Italien</h3></div>
<p>Die unter anderem von <a href="Antonio_Gramsci" title="Antonio Gramsci">Antonio Gramsci</a> 1921 mitbegründete <i>Turiner Sektion des russischen Proletkult</i> entstand während der Turiner <a href="R%C3%A4terepublik" title="Räterepublik">Rätebewegung</a>. Sie versuchte in den <a href="Futurismus" title="Futurismus">Futuristen</a> Bündnispartner zu finden und lud auch den sich zeitweilig mit den <a href="Faschismus" title="Faschismus">Faschisten</a> im Konflikt befindlichen Futuristen <a href="Filippo_Tommaso_Marinetti" title="Filippo Tommaso Marinetti">Filippo Tommaso Marinetti</a> ein.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Deutschland">Deutschland</h3></div>
<p>In Deutschland wurde die Auseinandersetzung mit dem Proletkult vor allem von der Zeitschrift <i><a href="Die_Aktion" title="Die Aktion">Die Aktion</a></i> geführt, die sich nach der Novemberrevolution sehr schnell den <a href="Syndikalismus" title="Syndikalismus">syndikalistischen</a> Strömungen öffnete. Ein Einfluss des Proletkultes findet sich weniger in deutschen Proletkultorganisationen, die sich auf Anregung des 2.&nbsp;Kongresses der Kommunistischen Internationale 1920 international bilden sollten, als vielmehr in der linken bürgerlichen Intelligenz und im politischen Theater der Weimarer Republik (zum Beispiel <a href="Erwin_Piscator" title="Erwin Piscator">Erwin Piscators</a> „Proletarisches Theater“ 1920/21), das sich der Agitation zuwendet.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li>Aleksandr A. Bogdanow: <i>Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse.</i> Makol, Frankfurt 1971.</li>
<li><a href="Peter_Gorsen" title="Peter Gorsen">Peter Gorsen</a>, Eberhard Knödler-Bunte (Hrsg.): <i>Proletkult.</i> 2&nbsp;Bände (Bd.&nbsp;1: <i>System einer proletarischen Kultur: Dokumentation</i> / Bd.&nbsp;2: <i>Zur Praxis und Theorie einer proletarischen Kulturrevolution in Sowjetrussland 1917–1925: Dokumentation</i>). Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1974 / 1975, ISBN 978-3-7728-0390-1.</li>
<li>Lynn Mally: <a rel="nofollow" class="external text" href="https://ark.cdlib.org/ark:/13030/ft6m3nb4b2/"><i>Culture of the Future: The Proletkult Movement in Revolutionary Russia</i>.</a> University of California Press, Berkeley 1990 (englisch); <a rel="nofollow" class="external text" href="http://content.cdlib.org:8088/xtf/view?docId=ft6m3nb4b2&amp;brand=ucpress">cdlib.org</a>.</li>
<li>Leo Trotzki: <i>Proletarische Kultur und proletarische Kunst.</i> Alexander, Berlin 1991, ISBN 3-923854-54-4.</li>
<li>Schwerpunktheft: <i>Proletarische Kultur (Proletkult)</i>. In: <i><a href="%C3%84sthetik_%26_Kommunikation" title="Ästhetik &amp; Kommunikation">Ästhetik &amp; Kommunikation</a></i>. Beiträge zur politischen Erziehung, Jg. 2, Nr. 5–6, Rowohlt, Reinbek 1972, ISBN 3-498-08503-4.</li>
<li><a href="Richard_Lorenz_(Historiker)" title="Richard Lorenz (Historiker)">Richard Lorenz</a> (Hrsg.): <i>Proletarische Kulturrevolution in Sowjetrußland 1917 - 1921. Dokumente des „Proletkult“</i>. dtv sonderreihe, 74. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1969.</li>
<li>Alexander K. Woronski<i>: Die Kunst, die Welt zu sehen. Ausgewählte Schriften 1911–1936.</i> Mehring Verlag, Essen 2004, ISBN 978-3-88634-077-4</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
<div class="sisterproject" style="margin:0.1em 0 0 0;"><div class="noresize noviewer" style="display:inline-block; line-height:10px; min-width:1.6em; text-align:center;" aria-hidden="true" role="presentation"><span class="mw-default-size" typeof="mw:File"><span title="Commons"></span></span></div><b><span class=""><a class="external text" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Proletkult?uselang=de"><span lang="en">Commons</span>: Proletkult</a></span></b>&nbsp;– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien</div>
<ul><li>Oliver Marchart: <a rel="nofollow" class="external text" href="https://eipcp.net/transversal/0601/marchart/de"><i>Von Proletkult zu Kunstkult</i>.</a> Vortrag am Symposion „Kunsteingriffe“</li>
<li>Rudolf M. Kijewski: <a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.trend.infopartisan.net/trd0499/t290499.html"><i>Proletarische Literatur und die Politik der Kommunistischen Partei Deutschlands 1929–1932</i>.</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">W.I. Lenin: <i>Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie</i>. In: <i>W.I. Lenin Werke</i>, Band 14. Berlin 1964</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">W. I. Lenin: <i>Über Proletarische Kultur</i>. In: <i>W. I. Lenin Werke</i>, Band 31, April-Dezember 1920. Berlin 1964, S. 307 f.</span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text"><cite style="font-style:italic">Emma Goldman: Meine Zwei Jahre In Russland</cite>. V. Lenzer Verlagskollektiv, München 2020, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em">&nbsp;</span>287</span> (<a rel="nofollow" class="external text" href="http://archive.org/details/emmagoldmanmeinezweijahreinrussland">archive.org</a> [abgerufen am 8.&nbsp;Januar 2023]).<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Abook&amp;rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Proletkult&amp;rft.btitle=Emma+Goldman%3A+Meine+Zwei+Jahre+In+Russland&amp;rft.date=2020&amp;rft.genre=book&amp;rft.pages=287&amp;rft.place=M%C3%BCnchen&amp;rft.pub=V.+Lenzer+Verlagskollektiv" style="display:none">&nbsp;</span></span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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